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Die
prädiktive Validität direkter und indirekter
Verfahren zur Messung der Persönlichkeit
Die
Güte von Persönlichkeitstests bestimmt sich vor allem
durch
ihre prädiktive Validität, also die Vorhersage
relevanter
Außenkriterien, insbesondere sozial relevanter
Verhaltensweisen.
Neuere Zweiprozessmodelle sehen soziales Verhalten als Ergebnis
kontrollierter und automatischer Informationsverarbeitungsprozesse an,
welche auf propositional bzw. assoziativ abgespeicherte mentale Inhalte
rekurrieren (Strack & Deutsch, 2004). Explizite Tests
(Persönlichkeitsfragebogen) sollen nun vor allem
propositionale
Repräsentationen des Selbst erfassen und daher nur eine
begrenzte
Validität für die Vorhersage konkreten sozialen
Verhaltens
aufweisen. Einschränkend wirken außerdem
Antworttendenzen
bei der Bearbeitung von Fragebogen. Daher werden zur Messung der
Persönlichkeit auch indirekte Tests (vor allem Implizite
Assoziationstests, IATs) eingesetzt, deren Ergebnisse selbstbezogene
Assoziationen abbilden sollen.
Bezüglich expliziter Verfahren zur Messung der
Persönlichkeit
stellen die Big Five – Neurotizismus, Extraversion, Offenheit
für Erfahrungen, Verträglichkeit und
Gewissenhaftigkeit
– das mittlerweile gängige Klassifikationssystem
dar.
Bezüglich impliziter Verfahren zur Messung der
Persönlichkeit
existiert bisher weder eine gängige Taxonomie der theoretisch
zu
erwartenden oder empirisch abzubildenden
Persönlichkeitsdimensionen noch ist bisher ausreichend
verstanden,
welche Prozesse bei der Ausführung impliziter Tests eine Rolle
spielen, was sie also genau messen. Bezüglich beider
Verfahrensklassen liegen bisher bemerkenswert wenige Erkenntnisse
darüber vor, welche tatsächlich beobachtbaren
Verhaltensweisen von welchen Persönlichkeitsfaktoren
prädiziert werden (Back & Egloff, 2009).
Im Projekt wurden zunächst die psychometrischen Eigenschaften
eines IATs zur Messung der Big Five überprüft
(Schmukle, Back
& Egloff, 2008) sowie der Einfluss von
Aufgabenwechselfähigkeiten auf Resultate in Impliziten
Assoziationstests untersucht (Back, Schmukle, & Egloff, 2005).
Aufbauend hierauf wurden in umfangreichen Verhaltensstudien
Verhaltensweisen provoziert und mit direkten und indirekten Verfahren
zur Messung der Big Five in Zusammenhang gebracht (Back, Schmukle
&
Egloff, 2009). Die Ergebnisse der Studien zeigen, dass sich IATs
eignen, um Persönlichkeitseigenschaften indirekt und reliabel
zu
messen und dass IATs inkrementelle Validität für die
Vorhersage relevanter sozialer Verhaltensweisen aufweisen (insbesondere
für Neurotizismus und Extraversion).
In anschließenden Studien sollen mehrere existierende
indirekte
Verfahren je Eigenschaft einge-setzt und hinsichtlich ihrer
Validitäten verglichen werden. Erste Untersuchungen in diese
Richtung waren vielversprechend. So konnte gezeigt werden, dass direkt
erfragter Selbstwert, ein Selbstwert-IAT und ein Affective Priming Task
zur Messung von Selbstwert unabhängige Prädiktoren
sozialer
Metakognitionen darstellen (Back, Krause, Hirschmüller,
Stopfer,
Egloff & Schmukle, 2009). Darüber hinaus sollen neue
indirekte
Verfahren entwickelt werden, welche enger an differentiell orientierten
Zweiprozessmodellen des Verhaltens angelehnt sind. Zudem sollen die
zugrundeliegenden kognitiven Prozesse analysiert werden.
Determinanten
und Entwicklung spontaner interpersoneller Attraktion
Die
Qualität sozialer Beziehungen hat bedeutsame positive Effekte
auf
Wohlbefinden, Lebenszufriedenheit und Gesundheit. Dementsprechend kommt
einer Analyse der psychologischen Prozesse des Kennenlernens und der
Formung neuer Beziehungen große Bedeutung zu.
Eindrücke
gegenüber fremden Personen vollziehen sich automatisch,
schnell
und auf der Basis minimaler Informationen. Sie stellen zugleich die
zentrale Basis für unsere sozialen Entscheidungen dar, also
dafür, wie wir auf andere im Allgemeinen reagieren, mit wem
wir
interagieren und mit wem wir kurz- und langfristige Beziehungen
eingehen.
Einen ersten Schwerpunkt des Projekts bildet die Untersuchung der
Determinanten des ersten Eindrucks von fremden Personen - spontaner
interpersoneller Attraktion. In jedem Attraktionsurteil (z.B. Person A
über Person B) lassen sich drei grundlegende Komponenten
unterscheiden: der Perceiver-Effekt, d.h. die allgemeine Urteilstendenz
des Beurteilers (wie sehr mag A andere Menschen im Allgemeinen), der
Target-Effekt, d.h. die Tendenz des Beurteilten im Allgemeinen positiv
oder negativ beurteilt zu werden (wie sehr wird B im Allgemeinen
gemocht) und der Relationship-Effekt, d.h. die von diesen generellen
Tendenzen unabhängige spezifische Beurteilung (wie sehr mag A
speziell B). Diese Komponenten lassen sich nun mit
Persönlichkeitseigenschaften in Verbindung bringen. Es werden
dementsprechend drei Fragenkomplexe untersucht: Wer mag spontan fremde
Personen? Wer wird spontan von fremden Personen gemocht? Wer mag
speziell wen bei ersten Begegnungen? Mittels einer Verbindung von
Social Relations Model (Kenny, 1994) und Linsenmodell (Brunswik, 1956)
wird außerdem analysiert, über welche Mediatoren
–
wahrnehmbare Äußerlichkeiten und Verhaltensweisen
–
die Zusammenhänge zwischen Persönlichkeit und
Attraktionskomponenten vermittelt werden (Back, Schmukle &
Egloff,
2010a). In zukünftigen Analysen sollen außerdem
verschiedenste Moderatoren der Zusammenhänge untersucht werden.
Einen zweiten Schwerpunkt des Projekts stellt die Untersuchung der
Stabilitäten und Veränderungen in interpersoneller
Attraktion
dar, welche sich im Verlauf des Kennenlernens ergeben. Diese
Fragestellungen werden mittels längsschnittlicher Studien
analysiert, in denen neben spontanen Urteilen auch die sich
entwickelnden Beziehungen zwischen realen Personen betrachtet werden.
Zum ersten geht es darum, die Stabilität der Komponenten
interpersoneller Attraktion zu analysieren (z.B. inwieweit spontan
populäre Personen auch bei Langzeitbekanntschaft
populärer
sind). Zum zweiten soll analysiert werden, wie sich die
Interkorrelationen der Komponenten interpersoneller Attraktion und
Metawahrnehmungen über die Zeit verändern. Hierbei
geht es um
Fragen der Gegenseitigkeit (Reziprozität) und angenommenen
Gegenseitigkeit (angenommene Reziprozität) der Attraktion und
um
die Genauigkeit, mit der Personen ihre Beliebtheit einschätzen
können (Meta-Genauigkeit). In einer ersten Studie konnte die
Bedeutsamkeit von situativen Faktoren der ersten Begegnung auf die
Freundschaftsentwicklung nachgewiesen werden (Back, Schmukle &
Egloff, 2008a). Eine weitere Studie zur Stabilität und
Veränderung interpersoneller Attraktion ist in Vorbereitung
(Back,
Schmukle & Egloff, 2010b).
Analysen
des Verlaufs der dynamischen Interaktion von Narzissmus,
interpersonellem Verhalten und interpersonellen Wahrnehmungen
Narzissmus beschreibt
ein
tiefgreifendes Muster von Großartigkeit, Selbstbezogenheit
und
einem Bedürfnis nach Bewunderung sowie einen Mangel an
Empathie.
Zahlreiche Studien zeigen, dass diese Eigenschaften mit negativen
langfristigen sozialen Folgen sowohl für Narzissten selbst als
auch ihre Sozialpartner verbunden sind. Zugleich scheint Narzissmus in
westlichen Gesellschaften eine immer größere
Verbreitung zu
erfahren und eine schwer zu verändernde
Persönlichkeitseigenschaft darzustellen. Es ist also von
unmittelbarer sozialer und gesellschaftlicher Relevanz, zu untersuchen,
welche Dynamiken im Zusammenspiel von
Persönlichkeitseigenschaften, interpersonellem Verhalten und
interpersonellen Wahrnehmungen zu den negativen Folgen und der
Aufrechterhaltung von Narzissmus führen.
Die langfristige soziale Maladaptivität von Narzissmus gilt
als
relativ unumstritten, es gibt jedoch widersprüchliche Befunde
zur
kurzfristigen interpersonellen Wirkung von Narzissten. Während
einige Studien unmittelbare negative Auswirkungen auf soziale
Indikatoren berichten, zeigen andere Untersuchungen positive Effekte
auf interpersonelle Urteile bei Kurzzeitbekanntschaft (nach kurzen oder
längeren Interaktionen). In einer ersten eigenen Studie (Back,
Schmukle & Egloff, in press) konnte gezeigt werden, dass
Narzissmus
schon bei Nullbekanntschaft (ohne vorherige Interaktion)
tatsächlich mit positiveren Beurteilungen durch involvierte
und
nicht-involvierte Beurteiler einhergeht. Interessanterweise war
Popularität zudem am stärksten mit der Facette von
Narzissmus
korreliert, welche im Allgemeinen als die maladaptivste angesehen wird
(Ausbeuten anderer und Anspruchsdenken). Mittels Linsenmodellanalysen
konnte zudem gezeigt werden, durch welche
Äußerlichkeiten
und Verhaltensweisen Narzissten einen positiven ersten Eindruck
vermitteln (z.B. auffälligere Kleidung, selbstbewussteres
Auftreten). Paradoxerweise könnte die positive initiale
Wirkung
gerade der negativsten Eigenschaften von Narzissten eine wichtige Rolle
bei der Aufrechterhaltung ihrer dysfunktionalen Verhaltensweisen
spielen und die langfristigen negativen sozialen Reaktionen
verstärken.
Ziel des Projekts ist es, den Verlauf der interpersonellen Wirkung von
Narzissten über die Zeit hinweg und seine Bedeutung
für die
Aufrechterhaltung dysfunktionaler Verhaltensweisen von Narzissten
besser zu verstehen. In einem ersten Schritt sollen hierzu naive
Beurteiler auf Video aufgezeichnete Zielpersonen kontinuierlich
beurteilen. In einem zweiten Schritt werden Gruppeninteraktionen
videographiert, wobei die Art und Reihenfolge der
Interaktionssituationen sowie der situative Gesamtkontext experimentell
variiert werden. Schließlich sollen Feldstudien
durchgeführt
werden, bei denen in natürlichen sozialen Gruppierungen
über
einen längeren Zeitraum interpersonelle Beurteilungen,
intrapersonelle kognitive und emotionale Prozesse und Verhaltensweisen
im Alltag erfasst werden (ambulatorisches Assessment). Jeweils wird das
dynamische Zusammenspiel von Persönlichkeitseigenschaften,
tatsächlich gezeigten Verhaltensweisen und interpersonellen
Urteilen von Narzissten und ihren Sozialpartnern
längsschnittlich
analysiert.
Genauigkeit von
Persönlichkeitsbeurteilungen in direkten und
computermediierten Formen der sozialen Kommunikation
Die Beurteilung der
Persönlichkeit ist in unserem Alltag allgegenwärtig
–
ständig schätzen wir andere Menschen ein und werden
von
diesen beurteilt. Persönlichkeitsurteile vollziehen sich zum
Teil
sehr schnell und auf der Basis minimaler Informationen. Wie genau sind
diese spontanen Einschätzungen fremder Personen? Es konnte
gezeigt
werden, dass naive Persönlichkeitsurteile auf der Basis so
unterschiedlichen Materials wie Fotografien, Tonspuren, Videoaufnahmen,
realen Interaktionen, der Eindrücke von Büros und
Schlafzimmern oder der Kenntnis der Musikpräferenzen
überzufällig genau mit Selbst- und Bekanntenangaben
der
Zielpersonen korrespondieren. Drei wesentliche Erweiterungen dieser
Forschungsrichtung sollen im Projekt realisiert werden.
Erstens soll die Bandbreite und Qualität der erfassten
Kriterien
„tatsächlicher Persönlichkeit“
erhöht
werden. Aufbauend auf klassischen Studien werden
Persönlichkeitsurteile bei Nullbekanntschaft (die Beobachtung
kurzer Selbstvorstellungen von Zielpersonen) erfasst. Diese werden nun
nicht nur mit Selbstauskünften und
Bekanntenauskünften der
Zielpersonen, sondern darüber hinaus mit indirekten
Persönlichkeitstests und einer Vielzahl unabhängiger
direkter
Verhaltensbeobachtungen sowie einem Aggregat aller Datenquellen
verglichen. Darüber hinaus werden Eigenschaften der
Zielpersonen,
der Beurteiler, der Art der Information (Video, Video ohne Ton, nur
Ton, Standbild, Transkript) und des verwendeten
Kriteriumsmaßes
als Moderatoren der Urteilsgenauigkeit untersucht und mithilfe der
beobachtbaren Signale (Äußerlichkeiten und
Verhaltensweisen
in den Selbstvorstellungen) erklärt. Ein Großteil
der
Datenerhebung dieses Teilprojekts ist bereits vollzogen.
Zweitens soll die Erforschung der Genauigkeit von
Persönlichkeitsurteilen auf modernen Formen computermediierter
Kommunikation ausgeweitet werden. Diese nehmen einen immer
größeren Anteil an real stattfindenden sozialen
Interaktionen ein. In einer ersten Studie konnte gezeigt werden, dass
Persönlichkeitsurteile, die allein auf der Basis von
Email-Adressen gefällt wurden, überzufällig
genau sind
(Back, Schmukle & Egloff, 2008b). In einer weiteren Studie, die
in
Kooperation mit Sam Gosling (University of Texas, USA) und Simine
Vazire (Washington University, USA) durchgeführt wurde, haben
wir
sogenannte Online Social Networks (OSNs, z.B. Facebook, Studi-VZ)
untersucht. Entgegen der landläufigen Meinung zeigte sich,
dass
persönliche Profilseiten in OSNs weniger der
Selbstidealisierung
dienen, sondern eher die tatsächliche Persönlichkeit
der
Profilinhaber widerspiegeln. Fremde Beurteiler konnten die
Persönlichkeit der Profilinhaber mit erstaunlicher Genauigkeit
einschätzen (Back, Stopfer, Vazire, Gaddis, Schmukle, Egloff
&
Gosling, in press). Anschlussanalysen beschäftigen sich
gegenwärtig beispielsweise mit der Auswertung der zahlreichen
in
OSNs ausgedrückten Signale (z.B. Fotos, Selbstbeschreibung,
Pinnwandeinträge, verlinkte Freunde), der möglichen
moderierenden Funktion von Selbstdarstellungstendenzen und der
Genauigkeit, mit der Personen ihre Außenwirkung in OSNs
einschätzen können.
Drittens beschäftige ich mich mit der Integration von dem in
der
Forschung zur Genauigkeit von Persönlichkeitsurteilen
gängigem Linsenmodell mit Zweiprozessmodellen selbstbezogener
Repräsentationen, der Verhaltensdetermination und der sozialen
Kognition. Erste Studien hierzu sind in Vorbereitung.
Rückschaufehler
bei Persönlichkeitsurteilen
Nach Eintritt eines
Ereignisses
können wir uns oft nicht mehr angemessen in die
Vorschau-perspektive zurückversetzen. Personen gehen davon
aus,
das Ereignis schon vorher genauer einge-schätzt zu haben als
es
tatsächlich der Fall war und unterliegen daher einem
Rückschaufehler. Dieses Phänomen wird in der
Forschung
üblicherweise mit Ereignissen bzw. Ereignisbeschreibungen oder
Almanachfragen untersucht.
Das Projekt verfolgt zunächst das Ziel, den
Rückschaufehler
in einem neuen interessanten und unmittelbar alltagsrelevanten Bereich
- bei Persönlichkeitsurteilen - nachzuweisen. In einer ersten
Pilotstudie konnte gezeigt werden, dass der Rückschaufehler
auch
bei auf Vignetten basierten Extraversionssurteilen auftritt. Dies soll
in zwei weiteren Studien für andere
Persönlichkeitsmerkmale
und in realen Beurteilungskontexten repliziert werden.
Darauf aufbauend sollen Erklärungsansätze
für den
Rückschaufehler bei Persönlichkeitsurteilen und
moderierende
Faktoren seines Auftretens untersucht werden. Die
Erklärungsansätze wurden dabei aus der Integration
der
Modelle zur Beschreibung der Entstehung des Rückschaufehlers
(RAFT-Modell, Hoffrage et al., 2000) und zur Entstehung von
Persönlichkeitsurteilen (Linsenmodell, Brunswik, 1956)
abgeleitet,
so dass neben dem rein phänomenologischen Erkenntnisgewinn
(Tritt
ein Rückschaufehler auch bei Persönlichkeitsurteilen
auf?)
der Erfolg der geschilderten Experimente verspricht, wichtige
Implikationen für die Theorienbildung zum
Rückschaufehler,
aber auch für die Forschung zu
Persönlichkeitsurteilen zu
liefern. Insbesondere soll für den Bereich der
Persönlichkeitsurteile untersucht werden, a) welche Prozesse
für das Auftreten des Rückschaufehlers verantwortlich
sind
(Aktualisierung von Signalwerten, Erhöhung der
Sensitivität
für valide Cues, motivationale Faktoren, Selbstdarstellung),
b) ob
Persönlichkeitsvariablen das Auftreten des
Rückschaufehlers
und die ihm zugrundeliegenden Prozesse moderieren und c) ob der
Rückschaufehler tatsächlich (wie im RAFT-Model
angenommen)
ein Nebenprodukt adaptiver Wissensaktualisierungsprozesse ist, in deren
Verlauf zukünftige Urteile verbessert werden.
Personenwahrnehmung
blinder und sehender Menschen im Vergleich
Die psychologische
Erforschung
naiver Persönlichkeitseinschätzungen hat in den
letzten
Jahren zeigen können, dass sehende Menschen einige
Persönlichkeitsaspekte (z.B. Extraversion) schon relativ gut
einschätzen können, selbst wenn sie nur kurz mit den
beurteilten Personen interagieren oder sogar nur kurze Videoausschnitte
oder Fotografien zu sehen bekommen. Die Bedeutung der Stimme als
Grundlage erster Eindrücke von anderen Menschen, sogenannte
paraverbale Signale (z.B. Lautstärke, Stimmhöhe,
Nervosität der Stimme etc.) wurden hingegen seltener
untersucht.
Darüberhinaus gibt es keine empirischen Studien in dieser
Forschungstradition, welche die Personenwahrnehmung blinder Menschen
analysieren. Für blinde und sehbehinderte Menschen sollte die
Stimme als Signal der Personenwahrnehmung eine überaus
wichtige
Bedeutung einnehmen. Darüber hinaus sollte diese
Personengruppe
eine besondere Sensibilität für Signale der Stimme
aufweisen.
Im Projekt sollen verschiedene miteinander verbundene Fragen
geklärt werden: Wie gut können Menschen allgemein
fremde
Personen allein auf der Basis ihrer Stimme beurteilen? Wie
unterscheiden sich blinde und sehende Menschen in ihren
Urteilsprozessen (wie stark ziehen sie welche Signale zur
Urteilsbildung heran)? Unterscheiden sich blinde und sehende Menschen
in der Genauigkeit, mit der sie andere Menschen anhand der Stimme
einschätzen können? Werden diese
Zusamenhänge von der
Art der zu beurteilenden Eigenschaft, dem Beurteilungskontext und/oder
Persönlichkeitseigenschaften der Beurteiler moderiert? Die
Ergebnisse dieser Studien versprechen, zu einem besseren
Verständnis der allgemeinen Prozesse der Personenwahrnehmung
und
der Besonderheiten der Personenwahrnehmung blinder und sehbehinderter
Menschen beizutragen.
Zu diesem Zweck ist geplant, eine möglichst große
Zahl
sehender und blinder (sowohl geburtsblinder als auch im Laufe des
Lebens erblindeter) und sehbehinderter Personen zu untersuchen. Konkret
sind in einer ersten Projektphase die Studien so aufgebaut, dass
blinden Versuchsteilnehmern Tonspuren vorgespielt werden und sie
gebeten werden, die dargebotene Person hinsichtlich verschiedener
Eigenschaften einzuschätzen. Diese Einschätzungen
werden
anschließend mit den tatsächlich vorliegenden
Persönlichkeitseigenschaften der beurteilten Personen und mit
Einschätzungen durch sehende Versuchsteilnehmer verglichen.
Objektiv vorliegende Merkmale der Stimme werden genutzt, um zu
erklären, auf welchem Weg die Urteile zustande kommen. In
späteren Projektphasen ist geplant, die Untersuchungen auf
reale
Interaktionen zwischen blinden und sehenden Personen auszuweiten.
Persönlichkeitsentwicklung
im jungen Erwachsenenalter und die Teilnahme an Auslandsaufenthalten
Die
Veränderbarkeit der
Persönlichkeit und die Phasen der
Persönlichkeitsentwicklung
werden kontrovers diskutiert. Es gibt jedoch zunehmend Evidenz
dafür, dass das junge Erwachsenenalter im Allgemeinen ein
letztes
'Fenster der Persönlichkeitsveränderung' darstellt
und es
danach zu einer zunehmenden Stabilisierung der Persönlichkeit
kommt. Der Autonomiezuwachs und die damit einhergehenden
vielfältigen neuen Erfahrungen könnten wesentliche
Bedingungen für die Veränderung von
Persönlichkeitseigenschaften, Wertorientierungen und
Bewältigungsstrategien sein. Relativ wenige Erkenntnisse gibt
es
bisher zum Einfluss spezifischer situativer Bedingungen sowie intra-
und interpersoneller Prozesse auf die
Persönlichkeitsentwicklung
in dieser Phase.
Einen spannenden Kontext für die Untersuchung von
Persönlichkeitsentwicklung im jungen Erwachsenenalter stellen
Auslandsaufenthalte dar. Sowohl unter Schülern als auch unter
Studierenden sind Auslandsaufenthalte von zumeist 6-12 Monaten
außerordentlich begehrt. Zahlreiche Unternehmen, staatliche
und
nicht-staatliche Einrichtungen, organisieren und fördern
solche
Auslandsaufenthalte. Sie werden zudem in immer
größerem
Ausmaß als Kriterium für Auswahlentscheidungen im
beruflichen Kontext herangezogen. Der erwartete Nutzen geht auf der
Seite aller Beteiligten (Teilnehmer, Eltern, Einrichtung, Arbeitgeber)
über den Spracherwerb hinaus. So wird ein positiver Einfluss
auf
die charakterliche Reifung, die Selbständigkeit und das
interkulturelle Verständnis angenommen. Empirisch sind solche
Effekte jedoch bisher leider unzureichend erforscht.
Im Projekt wird die Persönlichkeitsentwicklung junger
Erwachsener
im Kontext solcher Auslandsaufenthalte untersucht. Es soll unter
anderem folgenden Fragen nachgegangen werden: 1. Hinsichtlich welcher
Persönlichkeitsmerkmale unterscheiden sich junge Erwachsene,
die
an Auslandsaufenthalten teilnehmen, von solchen, die dies nicht tun? 2.
Welchen Effekt haben Persönlichkeitsunterschiede auf das
Befinden
und die Anpassung während des Auslandsaufenthalts? 3. Welche
Veränderungen der Persönlichkeit ergeben sich durch
den
Auslandsaufenthalt? 4. Welchen Effekt haben Befinden und Anpassung
während des Auslandsaufenthalts auf die
Persönlichkeitsveränderung? 5. Lassen sich
langfristige
Effekte von Auslandsaufenthalten auf die
Persönlichkeitsentwicklung und die soziale und berufliche
Anpassung nachweisen?
In einer ersten Studie wurden 200 Studierende, die bereits einen
längeren Auslandsaufenthalt (z.B. Erasmus) absolviert hatten
(sowie eine Kontrollstichprobe ohne bisherigen Auslandsaufenthalt), zu
ihren Persönlichkeitseigenschaften sowie zu ihrem Befinden,
der
Anpassung und ihrem sozialen Netzwerk während des
Auslandsaufenthalts befragt. Die Studie befindet sich im
Auswertungsstadium.
In einer weiteren Studie wurden 900 Schüler (10. Klasse) vor
dem
Beginn ihres einjährigen Auslandsaufenthalts befragt. Erfasst
wurde eine breite Palette an Persönlichkeitseigenschaften (Big
Five, Selbstkonzept, Werte, Interessen, Vorurteile,
Bewältigungsstile). Während des Auslandsaufenthalts
(1 Jahr)
wurden monatlich Maße des Befindens und der Anpassung
erhoben.
Eine zweite Erfassung von Persönlichkeitseigenschaften fand
nach
der Rückkehr der Schüler statt. Zu beiden
Messzeitpunkten
wurden auch eine Kontrollstichprobe befragt (N = 500). Eine dritte
Befragung nach einem weiteren Jahr wurde soeben abgeschlossen. Weitere
Erhebungswellen, in denen auch Indikatoren der langfristigen
beruflichen und sozialen Anpassung erfasst werden sollen, sind geplant.
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